Stephan Lucka

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Ins Schwarze

Blindensport beim BVB

„Wasn´ das für´n Omawurf?“ spottet Hasan aus einiger Entfernung. Ich muss mich konzentrieren. Connie passt mir den Ball zu und ich versuche noch einen Wurf. Ein Klingeln, Auftitschen. „Besser!“, ermutigt mich Chris von rechts, „Nicht so viel denken!“ Ich werfe mich wieder auf den Boden und strecke mich so lang ich kann, der Ball knallt mir mit einiger Wucht ins Gesicht, nur etwas von der Brille abgedämpft, die in zwischen ziemlich vollgeschwitzt ist. „Alles klar?“, kommt es wieder von rechts. Alles klar! Aber ich habe den Ball nicht kommen sehen. Ich liege irgendwo im Norden Dortmunds auf dem Boden einer Turnhalle und ich bin blind.

Im Gegensatz zu meinen Mitspielern allerdings nur solange ich die sogenannte Dunkelbrille trage, die dafür sorgt, daß ich absolut nichts sehe. Ich spiele das erste mal im Leben eine Partie Torball.

Torball?

Die Spielidee beim Torball ist: Die Spieler versuchen an der gegnerischen Abwehr vorbei ein Tor zu werfen. Dazu müssen sie unter mehreren Leinen in der Mitte des Spielfeldes hindurch, einen etwa fußballgroßen Ball werfen. Jeweils 3 Spieler pro Mannschaft stehen (oder vielmehr liegen) sich auf einem 7 x 16 m langen Spielfeld gegenüber. Das Tor ist dabei exakt so breit wie das Spielfeld selbst. Berühren die Spieler die Leinen beim Wurf, klingelt ein Glöckchen und es gibt einen Strafstoß für den Gegner. Dies alles geschieht bei völliger Dunkelheit, denn alle Spieler, egal ob sehbehindert oder sehend, tragen eine lichtundurchlässige, sogenannte „Dunkelbrille“. Um sich zu orientieren muß man sich also komplett auf sein Gehör verlassen. Dabei helfen einem sowohl die drei 1 x 2 m großen Teppiche, die in festgelegtem Abstand auf dem Spielfeld  festgeklebt sind, als auch die kleinen Metallringe innerhalb des Balles, die dafür sorgen, daß der Ball in Bewegung beständig rasselt.

Am Anfang ist es sehr schwer die verschiedenen Geräusche in der Dunkelheit zu deuten. War das jetzt ein Pass oder Einwurf? Wann setzt der gegnerische Spieler zum Torwurf an, so daß man sich dem Ball entgegenwerfen muß? Wohin rollt der Ball, den man gerade erfolgreich abgewehrt hat? Viel verwirrender für mich ist allerdings der Verlust meiner räumlichen Vorstellung. Ich bin anfangs fest davon überzeugt genau geradeaus auf das Tor zu werfen, in Wirklichkeit werfe ich jedoch weit links aus dem Feld heraus. Es ist so als hätte sich mein “mentales“ Spielfeld um mehrere Grad gedreht. Ohne den kleinen Teppich hinter mir hätte ich schnell völlig die Orientierung verloren, immer wieder muss ich mit den Händen und Füßen nach ihm tasten, um mich zu orientieren. „Die Orientierung verlieren ist am Anfang völlig normal“, beruhigt mich Chris. Nach 2 x 5 Minuten Spielzeit bin ich zwar körperlich noch einigermaßen fit, aber mental ziemlich ausgelaugt. Die kontinuierliche Konzentration auf das Spiel fordert erstaunlich viel Energie. Nach 10 Minuten fühlt sich mein Kopf wie 10h Mathearbeit an.
 
Trainer Hasan Caglikalp erzählt mir in einer Pause ein wenig über die Hintergründe des Sports. Hasan ist Leiter der Integrationssportabteilung des BVB und betreut auch den Bereich Blindenfussball. Torball, erläutert mir Hasan, hat sich seit Ende der siebziger Jahre aus einigen Vorläufern zum heutigen Wettkampfsport entwickelt. Einer dieser Vorläufer, genannt Rollball, wurde mit einem 5(!) Kilogramm schweren Medizinball gespielt. Laut Hasan gibt es bundesweit zwischen 80-90 Spieler, die Torball wettkampfmäßig betreiben, hinzu kommt eine unbestimmte Anzahl von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern die am Vereinssport teilnehmen. International gibt es wohl einige hundert Torballer, vorwiegend in Europa, aber auch in Südamerika und Nordafrika. In Deutschland gibt es für die Herren ein in drei hierarchisch unterteilte Bundesligen unterteiltes Ligasystem. Die Damen tragen die deutsche Meisterschaft einmal im Jahr in einem einmaligen Meisterschaftsturnier aus, das im Jahr 2019 übrigens die Damenmannschaft des BVB gewonnen hat.
 
Die Qualität des Torballsports, sagt Hasan, hat sich mit Einführung des Ligasystem durchaus verbessert, allerdings konkurriert Torball auch mit anderen Sportarten (z.B Bllndenfussball) und nicht zuletzt auch etwas „mit dem Smartphone“, vor allem beim Nachwuchs, schmunzelt Hasan. Mit der Inklusion beim Torballsport ist es „ganz ok“, wie Hasan bemerkt, bisher gab es beim BVB immerhin auch zwei sehende Spieler, die aktiv am Vereinssport teilgenommen haben. „Das könnte aber schon etwas mehr sein“, hofft Hasan für die Zukunft. In der Tat ist es etwas Besonderes, das sich sehende Sportler komplett in ein von nichtsehenden Sportlern betriebenes Regelwerk einfügen müssen. In dieser Hinsicht ist Torball einzigartig im Bereich des Integrationssports. 
 
Fazit: Ich werfe zwei „Leinen“, bekomme mehrere Bälle ins Gesicht, und mein linker Hüftknochen schmerzt vom ewigen auf den Boden werfen. Sich für einen kurzen Moment in eine nahezu komplett andere Wahrnehmungswelt als die Gewohnte zu begeben, war eine sehr intensive Erfahrung. „Hast dich gar nicht so schlecht geschlagen“, meint Chris nach dem Spiel anerkennend. Am Ende treffe sogar ich „ins Schwarze“. Ich werfe ein Tor.