Stephan Lucka

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Kultur in der Krise

Künstler und Kulturschaffende in Zeiten der Pandemie

Fotos und Protokolle von Stephan Lucka

Großer Teile der Kulturbranche leiden stark unter den Einschränkungen durch die Pandemie, laut einer Studie des Wirtschaftsberatungsunternehmen Ernst & Young hat bspw. die Musikbranche im letzten Jahr einen Umsatzrückgang von über 75% erlitten.

Für viele Künstler und Kulturschaffende bedeutet dies nicht nur einschneidende wirtschaftliche Einbußen, sondern auch eine schwere Einschränkung ihres künstlerischen Schaffens. Auch wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen in der Breite gut belegbar sind, so sind die konkreten gesellschaftlichen Auswirkungen nicht immer sofort ersichtlich.

Wie gehen Künstler und Kulturschaffende persönlich mit dem Wegbrechen ihrer Tätigkeitssfelder um? Welche Bewältigungsstrategien entwickeln sie? Welche Lösungen haben sie gefunden? Wie wirkt sich die Krise der Kulturbranche gesamtgesellschaftlich aus?

Diese Portraitserie zeigt Künstler und Kulturschaffende aus unterschiedlichen Bereichen in ihrem Umfeld und lässt sie zu Wort kommen. Wie nehmen diese Menschen selbst ihre Situation war, was haben sie zu sagen. Hierbei geht es nicht nur um die Darstellung einer Problemlage, sondern darum zu zeigen wie unterschiedlich die Protagonisten diese Krise bewältigen.

Die oftmals prekäre Lage von Kulturschaffenden ist kein neues Phänomen, sondern wird durch die Pandemie nur wesentlich sichtbarer. Der Umgang der Politik mit dieser Bevölkerungsgruppe verweist auf ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem, und nicht zuletzt auf die Frage nach dem Stellenwert von Kulturschaffenden in der „Kulturnation“ Deutschland.

„Am Anfang fühlte ich mich komplett leer.“

Linda Fisahn
Performance Künstlerin

Ich bin Künstlerin und Teil des inklusiven Theaterkollektivs „I can be your Translator“ aus Dortmund und Hamburg, in dem wir uns mit vielen gesellschaftlichen Themen (u.a auch mit dem Thema Euthanasie) befassen. Darüberhinaus arbeite ich auch in einigen Musikprojekten wie Piano Plus oder dem Tanzorchester Paschulke als Musikerin und Performerin mit. Mit diesen Projekten hatten wir über die letzten Jahre viele bundesweite Auftritte. Ich bin als Künstlerin auf verschiedenen Gebieten wie Tanz, Theater und Musik aktiv und versuche mich da stets weiter zu entwickeln. Als es durch Corona zu den Beschränkungen für den Kulturbereich kam, fühlte mich am Anfang komplett leer und einsam. Zwar wurde inzwischen viel der Probenarbeit ins Digitale verlagert, aber am meisten vermisse ich dabei meine Theatergruppe. Künstlerisch aktiv zu sein ist für mich sehr wichtig, denn es gibt mir die Möglichkeit zu zeigen was ich kann.

„Mein Beruf ist Stimme, Atem und der Körper im Raum, der an die Zuschauerin und an meine eigene Körperlichkeit geknüpft ist. Durch die Pandemie-
maßnahmen fühlte ich mich darin oft sehr beschnitten. Ich hatte das Gefühl ich kann meine Arbeit so nicht machen.“

Marlena Keil
Schauspielerin

Im Jahr vor der Pandemie habe ich sehr viel gearbeitet, mit 8 Premieren in der Spielzeit, Vorstellungen am Wochenende und täglichen Proben bis 22h. Mein Beruf hat mich immer sehr glücklich gemacht, aber dieses Arbeitspensum kann man nur schaffen, wenn man Erfüllung in der Begegnung und der Interaktion mit dem Publikum findet. Mit dem Einsetzen der ersten Coronabeschränkungen war mein erster Gedanke dann tatsächlich: Wie schön endlich mal frei zu haben! Die Ruhe, ein normaler Tagesrhythmus, Zeit für die Familie, all das war erstmal erholsam für mich.

Sehr oft habe ich mich aber durch die Hygienemaßnahmen in meiner künstlerischen Arbeit sehr beschnitten gefühlt. Das Problem ist: Im Stück gibt es kein Corona, trotzdem muss man sein Spiel den Hygieneregeln, wie Abstand, Maske usw. unterwerfen, was mich als Schauspieler sehr einschränkt. Mein Beruf ist Stimme, Atem und der Körper im Raum, der an die Zuschauer*innen und an meine eigene Körperlichkeit geknüpft ist. Bisweilen hab ich mich gefragt, ob der Beruf unter diesen Bedingungen wirklich noch Sinn ergibt. Denn wenn man Stücke lediglich für die Zeit danach vorproduziert, findet keine künstlerische Auseinandersetzung mit der Zeit in der wir leben statt.

Was ich nicht verstehen kann sind die Einschränkungen im Kulturbereich im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen. Natürlich sehe ich generell die Sinnhaftigkeit der Hygienemaßnahmen ein, dass aber der Kulturbetrieb nahezu vollständig zum Erliegen kommt, während die Warenproduktion oder die Arbeit in Großraumbüros unbehelligt bleiben, empfinde ich als unfassbar ungerecht. Ist nicht eine kulturelle Auseinandersetzung mit der Pandemie geradezu lebensnotwendig für uns als Gesellschaft?

Ich denke die Pandemie wird in Zukunft in Kunst und Kultur irgendwie sichtbar werden. Die Art des Publikums wird sich jedoch ändern, ich glaube in Zukunft wird der Zuschauer politisierter sein, wird eine stärkere Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbindung haben als vor der Krise. Corona macht im Theater aber auch Ressourcen frei für einen neuen Diskurs, das Hinterfragen (gerne auch zerstören!) von grundlegenden Arbeitsweisen und Hierarchien. Das ist für mich einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie. Generell wünsche ich mir eine künstlerische Transformation durch die Krise, hin zu mehr Mitbestimmung und einer engeren Verbindung zum Publikum. Denn diese „unbekannten Leute“ im Publikum sind mir sehr wichtig und ich vermisse sie sehr. 

„Ich glaube Kultur ist nicht systemrelevant, sondern glücksrelevant.“

Patrick Salmen
Autor, Humorist und Satiriker

Für mich als Künstler sind die Live- Auftritte, die Verbindung mit dem Publikum unglaublich wichtig. Ich liebe meinen Job total, es ist immer wieder unbeschreiblich was für ein vereinendes, positives Gefühl Humor sein kann. Das nun seit fast einem Jahr das Publikum einfach nicht mehr „stattfindet“ ist geradezu grausam für mich.

Normalerweise bin ich die meiste Zeit des Jahres auf Tour, mache an die 100 Lesungen pro Jahr und genieße diese intensive Zeit sehr. Glücklicherweise hatte ich bisher wirtschaftlich weniger Probleme, kurz vor Beginn der Pandemie konnte ich noch eine umfangreiche Tour abschließen.

Viel schwerwiegender ist das kreative Loch in das mich Corona gestürzt hat. Als Autor brauche ich das Feedback von anderen Menschen. Corona hat alles gleichförmig gemacht, soziale Kontakte sind reduziert, das Nichtstun ist normal geworden. Humor ist für mich aber die Verarbeitung von Erlebtem, im Moment erlebe ich aber schlicht nichts, über das sich für mich zu schreiben lohnt.

Dementsprechend fällt mir die Textproduktion gerade extrem schwer. Die plötzliche Entschleunigung in den ersten Monaten war erholsam, aber der Stillstand –  die Perspektivlosigkeit – nagt an mir.

Leider habe ich den Eindruck, dass der Kulturbereich in dieser Krise größtenteils übersehen wird. Ich kann die ergriffenen Maßnahmen absolut nachvollziehen, aber die Kulturbranche braucht eine Perspektive. Ich empfinde da eine ziemliche Gleichgültigkeit gegenüber den Kulturschaffenden. Wütend macht mich die Ungleichbehandlung. Die Kulturbranche wird so behandelt, als würde sie wirtschaftlich nichts beitragen, was einfach nicht stimmt. Ich habe den Eindruck, dass hier die herstellenden Wirtschaftsbereiche auf Kosten der Kulturbranche am Laufen gehalten werden.

Kultur hat aber einen unglaublich positiven Einfluss auf alle Lebensbereiche, Kultur bedeutet Verbindung, Identifikation. Ich weiß nicht ob Kultur systemrelevant ist, aber sie ist auf jeden Fall „glücksrelevant“.

Nach Corona hoffe ich auf einen Boom der Live-Kultur. Ich habe mich als Künstler noch nie so einsam gefühlt wie jetzt. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft und ich wünsche mir das Corona da alle etwas mehr zusammenbringt.

„Das Digitale kann das reale Erleben von Kunst nicht ersetzen. Ich hoffe diese Krise macht die Menschen sensibler für den Stellenwert von Kultur.“

Jens Sundheim
Fotograf und Künstler

Ich bin normalerweise eine Mensch der viel in Bewegung ist. Für eine freie Arbeit über Webcams zum Beispiel bin ich zu den unterschiedlichsten Orten gereist, um mich von den Webcams fotografieren zu lassen. Auch für die kommerzielle Auftragsfotografie bin ich viel unterwegs. Hinzu kommen regelmäßige Ausstellungen. Das alles wurde durch die Pandemie quasi auf Null gestellt. Fast sämtliche Projekte liegen im Moment mehr oder weniger auf Eis. Einzig meine Arbeit in der kulturellen Bildung geht momentan weiter, weil ich sie ins Digitale verlagern konnte.

Wirtschaftlich wurde ich durch unterschiedliche Förderungs- und Hilfsprogramme ganz gut aufgefangen. In existenzielle Not bin ich also nicht geraten und dafür bin ich auch dankbar.

Schlimmer ist vielmehr der Stillstand im Kopf, der auf meine Arbeit übergreift. Ich bin es gewöhnt auf unterschiedlichen Feldern sehr aktiv zu sein. Dieser erzwungene Stop hat mir die Energie genommen. Das plötzliche Mehr an Zeit und die Ruhe waren für mich keine Inspirationsquelle, sie haben mich eher langsam werden lassen. Anfangs kam ich damit noch einigermaßen zurecht, so langsam ist dieser Zustand aber nur noch zermürbend und nervt.

Ich habe versucht auf verschiedene Arten auf diese Situation zu reagieren, neue Ideen gesammelt, Bilder neu gesichtet, mich ein wenig auf meine Wurzeln in der Dunkelkammer zurückbesinnt, aber kaum etwas wirklich umgesetzt. Manchmal frage ich mich selbst, was ich eigentlich genau das letzte Jahr gemacht habe.

Ich reagiere mit meiner Kamera auf meine Lebenswelt, wenn diese Welt aber unfreiwillig stillsteht wird eine künstlerische Entwicklung für mich sehr schwer.

Durch Corona ist mir der Umgang der Gesellschaft mit Kultur auch stärker bewußt geworden. Museen beispielsweise müssen in der Pandemie schließen, weil sie offiziell nicht als Bildungs- sondern als Freizeitstätten angesehen werden und das sagt einiges über den Stellenwert von Kultur in der Gesellschaft aus. Das spiegelt nicht die Wertschätzung wieder, die ich mir wünschen würde.

Trotzdem denke ich nicht, daß Corona zu einer völligen Abkehr von der Kultur führen wird. Das Bedürfnis der Menschen nach Live-Kultur ist nach wie vor da, denn das Digitale ersetzt nicht das reale Erlebnis von Kunst und Kultur. Das wird mir auch durch die Resonanz auf Ausstellungen im Künstlerhaus Dortmund während der Pandemie bestätigt. Ich hoffe das die Kultur bald wieder hochfährt, und in einen Zustand ähnlich wie vor der Pandemie zurückkehrt. Ich hoffe  die Menschen werden durch diese Krise sensibler für den eigentlichen Stellenwert von Kultur.

 

„Mir fehlt die Bühne. Ich bin Künstlerin, ich wollte nie etwas anderes sein.“

Clara Solzano
Balletttänzerin und Besitzerin einer Tanzschule

Am Anfang war ich geschockt plötzlich komplett ohne Arbeit dazustehen. Ich hatte gerade mein Engagement am Ballett Dortmund beendet und mit meinem Mann eine neue Ballettschule in Dortmund eröffnet. Vorher gab es für mich nur „Ballett, Ballett, Ballett“, dann brachte Corona bei mir alles von jetzt auf gleich zum Stillstand. Ich hatte Angst um meine Zukunft. Ich wußte nicht was ich tun sollte. Ich dachte: “Mein Leben ist tot.“

Doch dann wurde mir klar, daß ich die Initiative ergreifen mußte, mich mehr zeigen mußte. Ich habe begonnen als Model und Schauspielerin zu arbeiten, habe mehr Energie in meine Präsentation auf Social Media Kanälen investiert; meine Deutschkenntnisse verbessert. Ich habe auch ein, durch die Stadt Dortmund unterstütztes, Anti- Rassismus-Filmprojekt imitiert, in dem ich tanze und auch mit anderen Tänzern und Choreographen zusammenarbeite. Glücklicherweise bekam ich dann nach einiger Zeit ein Engagement als Tänzerin am Schauspiel Köln angeboten, was ich aber aufgrund der geltenden Beschränkungen bisher noch nicht antreten konnte.

Ich denke, ich bin ich an der Krise gewachsen, sie hat mich vielfältiger gemacht. Vorher war immer nur das Ballett mein „Chef“, jetzt mußte ich meine eigene Chefin sein. Ich mußte mehr zu mir selbst kommen, meinen eigenen Weg gehen.

Natürlich brauche ich Geld zum Leben, aber noch viel mehr brauche ich den Tanz zum leben. Deshalb fehlt mir die Bühne, ich bin Künstlerin und ich wollte nie etwas anderes sein. Wir Tänzer leben für die Bühne, wir arbeiten mit unserem Körper und all das kann ich natürlich im Moment nicht tun.

„Ich sehe in der Krise eher die Chance auf Besinnung. Man kann sich neu fokussieren, mehr zu sich selbst kommen.“

Masoud Sadedin
Maler

Was meine Kunst an sich betrifft, hat sich nicht viel geändert. Wir Maler sind immer im Atelier.
Im Vorjahr habe ich aber noch regelmässig ausgestellt und Bilder verkauft, diese Einnahmen fallen jetzt natürlich komplett weg. Durch meine Unterrichtstätigkeit und mit Hilfe meiner Frau komme ich glücklicherweise bisher einigermaßen durch, aber wäre ich ein komplett freischaffender Künstler wäre das eine unmögliche Situation für mich.

Was mir fehlt ist der Austausch mit anderen Künstlern und Kunstinteressierten, die Treffen und Vernissagen. Teilweise hat sich dies nun ins Digitale, vor allem in die sozialen Medien verlagert. Außerdem haben wir hier im Künstlerhaus Troisdorf eine virtuelle Ausstellung und eine Plakataktion im öffentlichen Raum organisiert, Das ist natürlich eine Reaktion auf Corona und ich denke ein Teil dieser Digitalisierung wird auch nach Corona bleiben, und gerade für jüngere Künstler sehe ich da auch Chancen. Allerdings kann das Digitale niemals die räumlich, analoge Erfahrung von Kunst wie z.B in einer Ausstellung ersetzen.

Persönlich habe ich eher gelassen auf die Krise reagiert. Ich stamme aus dem Iran und habe dort zu Beginn der achtziger Jahre den Iran/Irak-Krieg als Soldat miterlebt, in dem ich mehrmals vor sehr schwierigen, fast ausweglosen Situationen stand. Das hat mich demütig gegenüber dem Leben gemacht und ich sehe Corona für mich selbst nicht als schwere Situation. Ich nehme das Leben an wie es kommt.

In der Tat sehe ich in der Krise eher die Chance auf Besinnung. Man kann der Hektik entkommen, sich neu fokussieren, mehr zu sich selbst kommen, eine neue Langsamkeit entdecken.

In meinen Werken beschäftige ich mich schon längere Zeit mit der Verwunderung über das Dasein, der Absurdität und Banalität des Lebens und interessanterweise knüpft diese entschleunigte Zeit da sehr gut an.

Die Pandemie ist ein gravierender Eingriff in unser Leben und sie macht uns unsere eigene Vergänglichkeit deutlich, daher hoffe ich das dies einen gesellschaftlichen Wandel anstößt. Ich hoffe, dass die Menschen sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren, weg von Gier. Leistungs- und Ellenbogengesellschaft. Ich wünsche mir, dass mehr Aufmerksamkeit auf die Kunst gelegt wird, denn für mich ist die Kunst die Basis des Lebens. Die Kultur ist statisch und das kann gefährlich sein, denn jeder beharrt auf seine eigene Wahrheit. Kunst aber kann Barrieren überwinden, man muss sie immer wieder neu erfahren und gestalten und sie kann wichtige Impulse in andere Lebensbereiche setzen. Ich hoffe, dass Corona den Menschen diese wichtige Funktion von Kunst stärker verdeutlicht und zu mehr Verbindung, Gemeinschaft. Liebe führt.

 

„Ich habe politischen Aktivismus quasi aus Notwehr betrieben.“

Robert Griess
Kabarettist

Vor Corona war ich fast „zu viel“ unterwegs, an die 130 Auftritte pro Jahr, ständig im Hotel, ständig im Transit, da war der erste Lockdown zwar auch irgendwo erholsam für mich, aber letztendlich war Corona ein absolute Vollbremsung meines Berufes.

Erstmal bedeutet das natürlich einen spürbaren wirtschaftlichen Einschnitt für mich. Aber während ich nun auf meine Altersvorsorge zurückgreifen muß, bekommt die Lufthansa – die weniger Rücklagen hatte als ich – plötzlich Milliarden vom Staat. Daimler und VW schütten trotz Kurzarbeit großzügige Dividende aus. Warum? Da kann irgendwas nicht stimmen!

Leider läuft es in Deutschland während der Pandemie oft so, dass die Verteilung von Hilfen nach dem Prinzip, wer hat den größten „Lautsprecher“, verläuft. Generell wird hier oft mit zweierlei Maß gemessen: Wieso müssen Theater und Kultureinrichtungen, trotz nachgewiesenermaßen eher geringer Infektionsrisiken sofort schließen, die Fleischfabrik bleibt aber offen und die U-Bahnen fahren weiterhin? Ist das Virus etwa ansteckender im Theater als anderswo?

Für die Politik gibt es im Kulturbereich einfach den geringsten Widerstand, sie kann hier sehr einfach Handlungsfähigkeit demonstrieren. Das ist für mich voraufklärerisches Denken und das nervt.

Man ist in Deutschland lieber „Grille als Ameise“ damit meine ich eine spürbare gesellschaftliche Geringschätzung: Kunst darf nur aus Armut und Leid entstehen, ein selbständiger Beruf der mit Spaß ausgeübt wird ist verdächtig. In der Pandemie begegnet man mitunter entsprechender Schadenfreude, so nach dem Motto: „Hättest Du dir halt einen „ordentlichen“ (sprich angestellten) Beruf ausgesucht!“. Das empfinde ich als regulärer Steuerzahler der seinen Beitrag leistet als unverschämt.

Langfristig befürchte ich bleibende Schäden in der Kulturlandschaft, viele kleine Theater, Clubs und Vereine könnten für immer verschwinden.
Und es sieht nicht so aus als wäre die Eröffnung eines Theaters in Zukunft eine „hippe“ neue Start-Up Idee.
Viel schlimmer ist aber, dass ich durch Corona mein Medium als Künstler verloren habe. Als politischer Kabarettist kommt es mir wie eine Zensur vor, ein „kafkaeskes Berufsverbot“ das niemand verhängt hat. Das gibt einem ein Gefühl von Ohnmacht und Demut.

Um dieser Ohnmacht zu entkommen habe ich gegen die Depression „angeschrieben“ und ein komplett neues Kabarettprogramm geschrieben, aber auch politischen Aktivismus, quasi aus „Notwehr“, betrieben. Dazu habe ich u.a. die Aktion „#KulturAmArsch“ und das „Haareschneiden für die Kultur“ initiiert. Alles aus dem Gefühl heraus, von der Politik im Stich gelassen und übersehen zu werden. Es geht hier aber auch um Selbstermächtigung und um ein werben für mehr Empathie und Solidarität. Die meisten Kulturschaffenden sind immer noch eher Einzelkämpfer, Corona kann da eine Chance sein sich untereinander zu solidarisieren und zu organisieren.

„Wir lieben das Theater, denn es ist ein sehr guter Ort an dem viel passiert und ausprobiert wird. Es war immer unser Traum, als Ehepaar gemeinsam ein Theater zu leiten und dafür nehmen wir auch Entbehrungen in Kauf.“

Anne Rockenfeller und Hans Dreher
Geschäftsführerin und künstlerischer Leiter des Prinz-Regent Theaters

Die Leitung des Prinz Regent Theater haben wir  ab 2018  kurzfristig übernommen.  Wir hatten gerade begonnen mit unserem Repertoire Fahrt aufzunehmen – hatten im März/April 2020 viele ausverkaufte Vorstellungen in Aussicht – doch dann fuhren wir in den dunklen Corona-Tunnel. Auf das Licht am Ende warten wir noch. Normalität haben wir insofern kaum erlebt, eher einen permanenten Ausnahmezustand.

Das Prinz Regent Theater selbst ist aufgrund seiner Fördersituation glücklicherweise
nicht direkt gefährdet, aber durch das Ausbleiben von Einnahmen ist es uns momentan nur eingeschränkt möglich freischaffende Schauspieler  zu beschäftigen,  und ihnen die nötige Planungssicherheit zu bieten. Gerade haben wir entschieden unsere Spielzeitpause um ganze zwei Monate vorzuverlegen, in der Hoffnung ausnahmsweise im Sommer – und sei es auf einer mobilen Freiluftbühne – vor Publikum spielen zu können.

Es war uns wichtig, dass wir vor allem sichtbar bleiben und weiterhin unseren freischaffenden Schauspielern eine Perspektive bieten können. Aber dafür mußten wir unsere Mittel und Methoden ändern. Wir haben viel Zeit in die Uminszenierung und die Digitalisierung von Produktionen gesteckt. Zum einen Stücke inszeniert, die eine kleinere Besetzung haben und somit besser ins Hygienekonzept passen, zum anderen viel in die Einbindung von Videokonferenz- und Streamingtechnik investiert. Damit waren wir wohl eins der ersten Theater, welches eine digitale Produktion gezeigt hat, die komplett im Internet entstanden ist. In der Tat haben wir inzwischen länger digital als „traditionell“ analog gearbeitet. Wir mussten uns anpassen, flexibler werden und andere Geschichten erzählen.

Diese Beschränkungen machen uns ohne Zweifel auch kreativer, denn wir versuchen sie zum Bestandteil unserer Arbeit zu machen, so wie Beschränkungen seit jeher die Ästhetik des Theaters ausmachen. Aber das ständige „sich neu erfinden“ ist auch ermüdend, und es ist eine gewisse Enttäuschung da, dass man bestimmte Stoffe aufgrund der Hygieneregeln so nicht umsetzen kann wie man will. Im Theater läuft sehr viel über den direkten Austausch, das kurze Gespräch „zwischen Tür und Angel“, und das fällt natürlich weg. Auch wenn wir viel digitalen Austausch haben, der überaus offen und solidarisch ist, so ist man letztendlich doch oft allein und vermisst die Kollegen. Außerdem bleibt immer die Angst vor einer Infektion innerhalb unserer Produktionen.

Wir versuchen solidarisch zu sein und tragen alle Einschränkungen mit. Trotzdem stellen wir uns manchmal die Frage warum der Kulturbereich – trotz belastbarer Hygienekonzepte – nahezu stillsteht, während manches Fließband weiterläuft. Auch wenn wir mit dem Bemühen der Kulturpolitik auf Landes- und kommunaler Ebene durchaus einverstanden sind, bietet uns die Bundespolitik kaum Planungssicherheit: Wie sollen wir einen Vorverkauf im Hinblick auf ständige wechselnde Inzidenzen sinnvoll planen? Gilt der seinerzeit groß angekündigte Stufenplan überhaupt noch? Wie genau werden Geimpfte bevorzugt? Uns fehlen viele Antworten. Auf lange Sicht haben wir leider auch die Befürchtung, dass die Kosten dieser Pandemie zu generellen Kürzungen im Kulturbereich führen werden.

Auch vermeintlich „eiserne“ Theatergesetze ändern sich durch die Pandemie. Die Gesundheit der Akteure wird ernster genommen. Die Integration von digitalen Konzepten – in der Arbeitsweise und der Inszenierung – werden bleiben. Auch wird das Theater etwas von seiner bisherigen „Heiligkeit“ verlieren: Alles wird etwas vorsichtiger, pragmatischer, regionaler; tradierte Strukturen und Hierarchien werden zu recht hinterfragt.

Wir lieben das Theater, denn es ist grundsätzlich ein sehr guter Ort an dem viel passiert und ausprobiert wird. Es war immer unser Traum, als Ehepaar gemeinsam ein Theater zu leiten und dafür nehmen wir auch Entbehrungen in Kauf. Nun hoffen wir auf eine schnelle Rückkehr zum Arbeitsalltag, wie wir ihn eigentlich am Theater kennen und lieben gelernt haben.

„Es ist ein Wahnsinnsgefühl auf der Bühne zu stehen. Natürlich könnte ich jetzt auch bei Lidl Regale einräumen, das will ich aber nicht, denn ich bin Künstler und ich liebe meinen Beruf.“

Martin Pittasch
Clown, Entertainer und Zirkuspädagoge

Normalerweise steige ich im Februar in meinen Zirkus-LKW ein und im November wieder aus. Der Zirkus ZappZarap, dem ich angehöre, realisiert im Jahr über 150 zirkuspädagogische Projekte in ganz Europa, hinzu kommen noch eigene Auftritte außerhalb des Zirkus. Die Nachfrage nach guter Zirkuspädagogik war gut vor der Pandemie, mit steigender Tendenz. Vor allem Grundschulen haben uns regelmäßig gebucht. Seit März letzten Jahres ist das alles weg, quasi Zirkus auf Pause. Natürlich ist das Wegbrechen von Einnahmen für mich schwierig, aber ich muß sogar sagen, dass in meinem Fall die finanziellen Hilfen durch den Staat ziemlich schnell und unbürokratisch waren. Da kann ich mich nicht beschweren. Meinen Job komplett aufzugeben kam für mich nie in Frage. Natürlich könnte ich auch bei Lidl Regale einräumen, aber ich bin Clown geworden, weil ich meinen Beruf liebe, und ich bin stolz auf meine Arbeit.

Viel schlimmer als der wirtschaftliche Aspekt ist der Stillstand, die Langeweile, der fehlende Kontakt zum Menschen. Ich vermisse den Zirkus. Es ist ein Wahnsinnsgefühl auf der Bühne zu stehen und die Menschen zu unterhalten. Mehr noch fehlt mir die Arbeit im Kinderzirkus. Wenn man direkt erlebt wie unglaublich positiv sich ein Kind innerhalb von kürzester Zeit durch den Kinderzirkus entwickelt, dann berührt einen das. Dann weiß man das man mit seiner Arbeit etwas bewirkt, dass sie nicht umsonst ist.

Alles das fällt nun komplett weg. Aber irgendwas mußt du ja machen, sonst wirst du bekloppt. Also haben wir digitale Formate entwickelt, z.B „circus@home“, wo wir ganz einfache Tricks für Zuhause zeigen. Oder unseren Youtube-Kanal „Kinderzirkus TV“ in dem wir über die Kinderzirkus-Szene berichten. Man versucht sich so gut es geht auszutauschen und weiterzubilden. Das alles ist natürlich kein Ersatz für den richtigen Zirkus – die Erfahrung mit dem Publikum. Der spontane Gag – mit den größten Lachern in einem vollen Zirkuszelt – funktioniert digital einfach nicht.

Durch Corona werden sicher auch einige kleinere Zirkusse und auch Veranstaltungsorte auf der Strecke bleiben, und auch das Publikum wird zunächst vermutlich verunsichert sein. Aber ich glaube grundsätzlich wird sich die Qualität von Kultur verbessern. Viele Künstler werden die Chance nutzen sich weiterzubilden, neue Nummern, Konzepte, bessere Programme zu entwickeln. Ich sehe Corona da eher als Chance. Wir Zirkusleute sind ein zähes Volk. Vielleicht werden nicht alle überleben, aber der Zirkus wird wiederkommen. Ich bin optimistisch: Im Sommer 2022 sind wir wieder da!

„Ich hoffe auf einen kulturellen Orgasmus nach Corona.“

Linda Bockholt
Singer / Songwriterin, Multiinstrumentalistin

Vor der Pandemie habe ich an die 50 Auftritte im Jahr gemacht, zusätzlich habe ich unterrichtet und im Theater als Musikerin gearbeitet. Im Großen und Ganzen bin ich finanziell immer irgendwie klar gekommen. Wenn es mal knapper geworden wäre, hätte ich einfach Strassenmusik gemacht, aber das war nie notwendig. Durch die Corona- Beschränkungen sind meine Live-Einnahmen natürlich erstmal weggebrochen. Da mir die meisten Corona-Soforthilfen als Solo-Selbständige nicht weiterhalfen, da sie nicht auf den Lebensunterhalt abzielen, habe ich relativ schnell Grundsicherung (Hartz IV) beantragt. Das war für mich auch voll ok so, und ich fühlte mich da auch einigermaßen aufgefangen. Was mir sehr geholfen hat war das Künstlerstipendium des Landes NRW und die Initiative „Fenster-Auf“ in Bochum, die Künstlern wie mir bezahlte Auftrittsmöglichkeiten im öffentlichen Raum bietet.

Am Anfang habe ich die Bühne gar nicht so sehr vermisst. Im ersten Lockdown hatte ich Zeit mal „runterzukommen“ und einen Freiraum für meinen künstlerischen Ausdruck zu schaffen. Der Druck produzieren zu müssen war irgendwann weg und dann kamen auch viele Songideen. Mittlerweile vermisse ich aber die Inspiration, die durch den Austausch mit anderen Menschen entsteht, aus ganzen banalen Dingen wie einem interessanten Kneipengespräch oder einer kleinen Diskussion. Oft hab ich mich nach sowas noch nachts ans Klavier gesetzt und komponiert. Und natürlich ist auch die Energie im Austausch mit dem Live Publikum sehr wichtig für mich, denn dadurch verhalte ich mich, spiele, werde letztendlich jemand anders. Und das kann nur so sein, wenn ich den Menschen wirklich gegenüberstehe und sie spüre. Diese menschliche Interaktion fehlt mir natürlich gerade als Inspirationsquelle. Ansonsten habe ich immer versucht diese Zeit in meine künstlerische Weiterentwicklung zu stecken. Ich habe meine eigenen Klavierkenntnisse verbessert und mit der Produktion meines ersten Solo-Albums begonnen.
Wie sich die Strukturen in der Kulturlandschaft nach Corona verändern werden ist für mich allerdings mit einigen Fragezeichen versehen. Im Moment weiß ich nicht so recht, wie dann der Neuanfang aussieht und wer dann den Künstlern neue Chancen bietet.

Trotzdem hoffe ich für die Zeit nach Corona auf einen kulturellen “Orgasmus“. Ich denke die Menschen vermissen –  ja lechzen geradezu – nach Kultur. Meine Erfahrungen im Fenster-Auf-Projekt haben mir das sehr deutlich gemacht. Es kam zu wirklich wunderschönen, herzzerreißenden Szenen, in denen sogar teilweise Tränen flossen, weil die Zuschauer so gerührt waren endlich wieder Live-Musik hören zu können. Das wiederum hat mir auch bestätigt, daß ich dort etwas Gutes und Sinnvolles mache.