Stephan Lucka

Kultur in der Krise

K├╝nstler und Kulturschaffende in Zeiten der Pandemie

Fotos und Protokolle von Stephan Lucka

Gro├čer Teile der Kulturbranche leiden stark unter den Einschra╠łnkungen durch die Pandemie, laut einer Studie des Wirtschaftsberatungsunternehmen Ernst & Young hat bspw. die Musikbranche im letzten Jahr einen Umsatzru╠łckgang von u╠łber 75% erlitten.

Fu╠łr viele Ku╠łnstler und Kulturschaffende bedeutet dies nicht nur einschneidende wirtschaftliche Einbu├čen, sondern auch eine schwere Einschra╠łnkung ihres k├╝nstlerischen Schaffens. Auch wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen in der Breite gut belegbar sind, so sind die konkreten gesellschaftlichen Auswirkungen nicht immer sofort ersichtlich.

Wie gehen Ku╠łnstler und Kulturschaffende perso╠łnlich mit dem Wegbrechen ihrer T├Ątigkeitssfelder um? Welche Bewa╠łltigungsstrategien entwickeln sie? Welche Lo╠łsungen haben sie gefunden? Wie wirkt sich die Krise der Kulturbranche gesamtgesellschaftlich aus?

Diese Portraitserie zeigt Ku╠łnstler und Kulturschaffende aus unterschiedlichen Bereichen in ihrem Umfeld und l├Ąsst sie zu Wort kommen. Wie nehmen diese Menschen selbst ihre Situation war, was haben sie zu sagen. Hierbei geht es nicht nur um die Darstellung einer Problemlage, sondern darum zu zeigen wie unterschiedlich die Protagonisten diese Krise bewa╠łltigen.

Die oftmals preka╠łre Lage von Kulturschaffenden ist kein neues Pha╠łnomen, sondern wird durch die Pandemie nur wesentlich sichtbarer. Der Umgang der Politik mit dieser Bevo╠łlkerungsgruppe verweist auf ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem, und nicht zuletzt auf die Frage nach dem Stellenwert von Kulturschaffenden in der “Kulturnation” Deutschland.

ÔÇ×Am Anfang f├╝hlte ich mich komplett leer.ÔÇť

Linda Fisahn
Performance K├╝nstlerin

Ich bin Ku╠łnstlerin und Teil des inklusiven Theaterkollektivs ÔÇ×I can be your TranslatorÔÇť aus Dortmund und Hamburg, in dem wir uns mit vielen gesellschaftlichen Themen (u.a auch mit dem Thema Euthanasie) befassen. Daru╠łberhinaus arbeite ich auch in einigen Musikprojekten wie Piano Plus oder dem Tanzorchester Paschulke als Musikerin und Performerin mit. Mit diesen Projekten hatten wir u╠łber die letzten Jahre viele bundesweite Auftritte. Ich bin als Ku╠łnstlerin auf verschiedenen Gebieten wie Tanz, Theater und Musik aktiv und versuche mich da stets weiter zu entwickeln. Als es durch Corona zu den Beschra╠łnkungen fu╠łr den Kulturbereich kam, fu╠łhlte mich am Anfang komplett leer und einsam. Zwar wurde inzwischen viel der Probenarbeit ins Digitale verlagert, aber am meisten vermisse ich dabei meine Theatergruppe. Ku╠łnstlerisch aktiv zu sein ist fu╠łr mich sehr wichtig, denn es gibt mir die Mo╠łglichkeit zu zeigen was ich kann.

ÔÇ×Mein Beruf ist Stimme, Atem und der Ko╠łrper im Raum, der an die Zuschauerin und an meine eigene Ko╠łrperlichkeit geknu╠łpft ist. Durch die Pandemie-
ma├čnahmen fu╠łhlte ich mich darin oft sehr beschnitten. Ich hatte das Gefu╠łhl ich kann meine Arbeit so nicht machen.ÔÇť

Marlena Keil
Schauspielerin

Im Jahr vor der Pandemie habe ich sehr viel gearbeitet, mit 8 Premieren in der Spielzeit, Vorstellungen am Wochenende und ta╠łglichen Proben bis 22h. Mein Beruf hat mich immer sehr glu╠łcklich gemacht, aber dieses Arbeitspensum kann man nur schaffen, wenn man Erfu╠łllung in der Begegnung und der Interaktion mit dem Publikum findet. Mit dem Einsetzen der ersten Coronabeschra╠łnkungen war mein erster Gedanke dann tatsa╠łchlich: Wie scho╠łn endlich mal frei zu haben! Die Ruhe, ein normaler Tagesrhythmus, Zeit fu╠łr die Familie, all das war erstmal erholsam fu╠łr mich.

Sehr oft habe ich mich aber durch die Hygienema├čnahmen in meiner ku╠łnstlerischen Arbeit sehr beschnitten gefu╠łhlt. Das Problem ist: Im Stu╠łck gibt es kein Corona, trotzdem muss man sein Spiel den Hygieneregeln, wie Abstand, Maske usw. unterwerfen, was mich als Schauspieler sehr einschra╠łnkt. Mein Beruf ist Stimme, Atem und der Ko╠łrper im Raum, der an die Zuschauer*innen und an meine eigene Ko╠łrperlichkeit geknu╠łpft ist. Bisweilen hab ich mich gefragt, ob der Beruf unter diesen Bedingungen wirklich noch Sinn ergibt. Denn wenn man Stu╠łcke lediglich f├╝r die Zeit danach vorproduziert, findet keine ku╠łnstlerische Auseinandersetzung mit der Zeit in der wir leben statt.

Was ich nicht verstehen kann sind die Einschra╠łnkungen im Kulturbereich im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen. Natu╠łrlich sehe ich generell die Sinnhaftigkeit der Hygienema├čnahmen ein, dass aber der Kulturbetrieb nahezu vollsta╠łndig zum Erliegen kommt, wa╠łhrend die Warenproduktion oder die Arbeit in Gro├čraumbu╠łros unbehelligt bleiben, empfinde ich als unfassbar ungerecht. Ist nicht eine kulturelle Auseinandersetzung mit der Pandemie geradezu lebensnotwendig fu╠łr uns als Gesellschaft?

Ich denke die Pandemie wird in Zukunft in Kunst und Kultur irgendwie sichtbar werden. Die Art des Publikums wird sich jedoch a╠łndern, ich glaube in Zukunft wird der Zuschauer politisierter sein, wird eine sta╠łrkere Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbindung haben als vor der Krise. Corona macht im Theater aber auch Ressourcen frei fu╠łr einen neuen Diskurs, das Hinterfragen (gerne auch zersto╠łren!) von grundlegenden Arbeitsweisen und Hierarchien. Das ist fu╠łr mich einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie. Generell wu╠łnsche ich mir eine ku╠łnstlerische Transformation durch die Krise, hin zu mehr Mitbestimmung und einer engeren Verbindung zum Publikum. Denn diese ÔÇ×unbekannten LeuteÔÇť im Publikum sind mir sehr wichtig und ich vermisse sie sehr.┬á

ÔÇ×Ich glaube Kultur ist nicht systemrelevant, sondern gl├╝cksrelevant.ÔÇť

Patrick Salmen
Autor, Humorist und Satiriker

Fu╠łr mich als Ku╠łnstler sind die Live- Auftritte, die Verbindung mit dem Publikum unglaublich wichtig. Ich liebe meinen Job total, es ist immer wieder unbeschreiblich was fu╠łr ein vereinendes, positives Gefu╠łhl Humor sein kann. Das nun seit fast einem Jahr das Publikum einfach nicht mehr ÔÇ×stattfindetÔÇť ist geradezu grausam fu╠łr mich.

Normalerweise bin ich die meiste Zeit des Jahres auf Tour, mache an die 100 Lesungen pro Jahr und genie├če diese intensive Zeit sehr. Glu╠łcklicherweise hatte ich bisher wirtschaftlich weniger Probleme, kurz vor Beginn der Pandemie konnte ich noch eine umfangreiche Tour abschlie├čen.

Viel schwerwiegender ist das kreative Loch in das mich Corona gestu╠łrzt hat. Als Autor brauche ich das Feedback von anderen Menschen. Corona hat alles gleichfo╠łrmig gemacht, soziale Kontakte sind reduziert, das Nichtstun ist normal geworden. Humor ist fu╠łr mich aber die Verarbeitung von Erlebtem, im Moment erlebe ich aber schlicht nichts, u╠łber das sich fu╠łr mich zu schreiben lohnt.

Dementsprechend fa╠łllt mir die Textproduktion gerade extrem schwer. Die plo╠łtzliche Entschleunigung in den ersten Monaten war erholsam, aber der Stillstand –┬á die Perspektivlosigkeit – nagt an mir.

Leider habe ich den Eindruck, dass der Kulturbereich in dieser Krise gro╠ł├čtenteils u╠łbersehen wird. Ich kann die ergriffenen Ma├čnahmen absolut nachvollziehen, aber die Kulturbranche braucht eine Perspektive. Ich empfinde da eine ziemliche Gleichgu╠łltigkeit gegenu╠łber den Kulturschaffenden. Wu╠łtend macht mich die Ungleichbehandlung. Die Kulturbranche wird so behandelt, als wu╠łrde sie wirtschaftlich nichts beitragen, was einfach nicht stimmt. Ich habe den Eindruck, dass hier die herstellenden Wirtschaftsbereiche auf Kosten der Kulturbranche am Laufen gehalten werden.

Kultur hat aber einen unglaublich positiven Einfluss auf alle Lebensbereiche, Kultur bedeutet Verbindung, Identifikation. Ich wei├č nicht ob Kultur systemrelevant ist, aber sie ist auf jeden Fall ÔÇ×glu╠łcksrelevantÔÇť.

Nach Corona hoffe ich auf einen Boom der Live-Kultur. Ich habe mich als Ku╠łnstler noch nie so einsam gefu╠łhlt wie jetzt. Ich spu╠łre eine gro├če Sehnsucht nach Gemeinschaft und ich wu╠łnsche mir das Corona da alle etwas mehr zusammenbringt.

ÔÇ×Das Digitale kann das reale Erleben von Kunst nicht ersetzen. Ich hoffe diese Krise macht die Menschen sensibler fu╠łr den Stellenwert von Kultur.ÔÇť

Jens Sundheim
Fotograf und K├╝nstler

Ich bin normalerweise eine Mensch der viel in Bewegung ist. Fu╠łr eine freie Arbeit u╠łber Webcams zum Beispiel bin ich zu den unterschiedlichsten Orten gereist, um mich von den Webcams fotografieren zu lassen. Auch fu╠łr die kommerzielle Auftragsfotografie bin ich viel unterwegs. Hinzu kommen regelma╠ł├čige Ausstellungen. Das alles wurde durch die Pandemie quasi auf Null gestellt. Fast sa╠łmtliche Projekte liegen im Moment mehr oder weniger auf Eis. Einzig meine Arbeit in der kulturellen Bildung geht momentan weiter, weil ich sie ins Digitale verlagern konnte.

Wirtschaftlich wurde ich durch unterschiedliche Fo╠łrderungs- und Hilfsprogramme ganz gut aufgefangen. In existenzielle Not bin ich also nicht geraten und dafu╠łr bin ich auch dankbar.

Schlimmer ist vielmehr der Stillstand im Kopf, der auf meine Arbeit u╠łbergreift. Ich bin es gewo╠łhnt auf unterschiedlichen Feldern sehr aktiv zu sein. Dieser erzwungene Stop hat mir die Energie genommen. Das plo╠łtzliche Mehr an Zeit und die Ruhe waren fu╠łr mich keine Inspirationsquelle, sie haben mich eher langsam werden lassen. Anfangs kam ich damit noch einigerma├čen zurecht, so langsam ist dieser Zustand aber nur noch zermu╠łrbend und nervt.

Ich habe versucht auf verschiedene Arten auf diese Situation zu reagieren, neue Ideen gesammelt, Bilder neu gesichtet, mich ein wenig auf meine Wurzeln in der Dunkelkammer zuru╠łckbesinnt, aber kaum etwas wirklich umgesetzt. Manchmal frage ich mich selbst, was ich eigentlich genau das letzte Jahr gemacht habe.

Ich reagiere mit meiner Kamera auf meine Lebenswelt, wenn diese Welt aber unfreiwillig stillsteht wird eine ku╠łnstlerische Entwicklung fu╠łr mich sehr schwer.

Durch Corona ist mir der Umgang der Gesellschaft mit Kultur auch sta╠łrker bewu├čt geworden. Museen beispielsweise mu╠łssen in der Pandemie schlie├čen, weil sie offiziell nicht als Bildungs- sondern als Freizeitsta╠łtten angesehen werden und das sagt einiges u╠łber den Stellenwert von Kultur in der Gesellschaft aus. Das spiegelt nicht die Wertscha╠łtzung wieder, die ich mir wu╠łnschen wu╠łrde.

Trotzdem denke ich nicht, da├č Corona zu einer vo╠łlligen Abkehr von der Kultur fu╠łhren wird. Das Bedu╠łrfnis der Menschen nach Live-Kultur ist nach wie vor da, denn das Digitale ersetzt nicht das reale Erlebnis von Kunst und Kultur. Das wird mir auch durch die Resonanz auf Ausstellungen im Ku╠łnstlerhaus Dortmund wa╠łhrend der Pandemie besta╠łtigt. Ich hoffe das die Kultur bald wieder hochfa╠łhrt, und in einen Zustand a╠łhnlich wie vor der Pandemie zuru╠łckkehrt. Ich hoffe┬á die Menschen werden durch diese Krise sensibler fu╠łr den eigentlichen Stellenwert von Kultur.

 

ÔÇ×Mir fehlt die B├╝hne. Ich bin K├╝nstlerin, ich wollte nie etwas anderes sein.ÔÇť

Clara Solzano
Ballettt├Ąnzerin und Besitzerin einer Tanzschule

Am Anfang war ich geschockt plo╠łtzlich komplett ohne Arbeit dazustehen. Ich hatte gerade mein Engagement am Ballett Dortmund beendet und mit meinem Mann eine neue Ballettschule in Dortmund ero╠łffnet. Vorher gab es fu╠łr mich nur “Ballett, Ballett, Ballett”, dann brachte Corona bei mir alles von jetzt auf gleich zum Stillstand. Ich hatte Angst um meine Zukunft. Ich wu├čte nicht was ich tun sollte. Ich dachte: ÔÇťMein Leben ist tot.ÔÇť

Doch dann wurde mir klar, da├č ich die Initiative ergreifen mu├čte, mich mehr zeigen mu├čte. Ich habe begonnen als Model und Schauspielerin zu arbeiten, habe mehr Energie in meine Pra╠łsentation auf Social Media Kan├Ąlen investiert; meine Deutschkenntnisse verbessert. Ich habe auch ein, durch die Stadt Dortmund unterstu╠łtztes, Anti- Rassismus-Filmprojekt imitiert, in dem ich tanze und auch mit anderen Ta╠łnzern und Choreographen zusammenarbeite. Glu╠łcklicherweise bekam ich dann nach einiger Zeit ein Engagement als Ta╠łnzerin am Schauspiel Ko╠łln angeboten, was ich aber aufgrund der geltenden Beschra╠łnkungen bisher noch nicht antreten konnte.

Ich denke, ich bin ich an der Krise gewachsen, sie hat mich vielfa╠łltiger gemacht. Vorher war immer nur das Ballett mein “Chef”, jetzt mu├čte ich meine eigene Chefin sein. Ich mu├čte mehr zu mir selbst kommen, meinen eigenen Weg gehen.

Natu╠łrlich brauche ich Geld zum Leben, aber noch viel mehr brauche ich den Tanz zum leben. Deshalb fehlt mir die Bu╠łhne, ich bin Ku╠łnstlerin und ich wollte nie etwas anderes sein. Wir Ta╠łnzer leben fu╠łr die Bu╠łhne, wir arbeiten mit unserem Ko╠łrper und all das kann ich natu╠łrlich im Moment nicht tun.

ÔÇ×Ich sehe in der Krise eher die Chance auf Besinnung. Man kann sich neu fokussieren, mehr zu sich selbst kommen.ÔÇť

Masoud Sadedin
Maler

Was meine Kunst an sich betrifft, hat sich nicht viel gea╠łndert. Wir Maler sind immer im Atelier.
Im Vorjahr habe ich aber noch regelma╠łssig ausgestellt und Bilder verkauft, diese Einnahmen fallen jetzt natu╠łrlich komplett weg. Durch meine Unterrichtsta╠łtigkeit und mit Hilfe meiner Frau komme ich glu╠łcklicherweise bisher einigerma├čen durch, aber wa╠łre ich ein komplett freischaffender Ku╠łnstler wa╠łre das eine unmo╠łgliche Situation fu╠łr mich.

Was mir fehlt ist der Austausch mit anderen Ku╠łnstlern und Kunstinteressierten, die Treffen und Vernissagen. Teilweise hat sich dies nun ins Digitale, vor allem in die sozialen Medien verlagert. Au├čerdem haben wir hier im Ku╠łnstlerhaus Troisdorf eine virtuelle Ausstellung und eine Plakataktion im o╠łffentlichen Raum organisiert, Das ist natu╠łrlich eine Reaktion auf Corona und ich denke ein Teil dieser Digitalisierung wird auch nach Corona bleiben, und gerade fu╠łr ju╠łngere Ku╠łnstler sehe ich da auch Chancen. Allerdings kann das Digitale niemals die ra╠łumlich, analoge Erfahrung von Kunst wie z.B in einer Ausstellung ersetzen.

Perso╠łnlich habe ich eher gelassen auf die Krise reagiert. Ich stamme aus dem Iran und habe dort zu Beginn der achtziger Jahre den Iran/Irak-Krieg als Soldat miterlebt, in dem ich mehrmals vor sehr schwierigen, fast ausweglosen Situationen stand. Das hat mich demu╠łtig gegenu╠łber dem Leben gemacht und ich sehe Corona fu╠łr mich selbst nicht als schwere Situation. Ich nehme das Leben an wie es kommt.

In der Tat sehe ich in der Krise eher die Chance auf Besinnung. Man kann der Hektik entkommen, sich neu fokussieren, mehr zu sich selbst kommen, eine neue Langsamkeit entdecken.

In meinen Werken bescha╠łftige ich mich schon la╠łngere Zeit mit der Verwunderung u╠łber das Dasein, der Absurdita╠łt und Banalita╠łt des Lebens und interessanterweise knu╠łpft diese entschleunigte Zeit da sehr gut an.

Die Pandemie ist ein gravierender Eingriff in unser Leben und sie macht uns unsere eigene Verga╠łnglichkeit deutlich, daher hoffe ich das dies einen gesellschaftlichen Wandel ansto╠ł├čt. Ich hoffe, dass die Menschen sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren, weg von Gier. Leistungs- und Ellenbogengesellschaft. Ich wu╠łnsche mir, dass mehr Aufmerksamkeit auf die Kunst gelegt wird, denn fu╠łr mich ist die Kunst die Basis des Lebens. Die Kultur ist statisch und das kann gefa╠łhrlich sein, denn jeder beharrt auf seine eigene Wahrheit. Kunst aber kann Barrieren u╠łberwinden, man muss sie immer wieder neu erfahren und gestalten und sie kann wichtige Impulse in andere Lebensbereiche setzen. Ich hoffe, dass Corona den Menschen diese wichtige Funktion von Kunst sta╠łrker verdeutlicht und zu mehr Verbindung, Gemeinschaft. Liebe fu╠łhrt.

 

ÔÇ×Ich habe politischen Aktivismus quasi aus Notwehr betrieben.ÔÇť

Robert Griess
Kabarettist

Vor Corona war ich fast ÔÇ×zu vielÔÇť unterwegs, an die 130 Auftritte pro Jahr, sta╠łndig im Hotel, sta╠łndig im Transit, da war der erste Lockdown zwar auch irgendwo erholsam fu╠łr mich, aber letztendlich war Corona ein absolute Vollbremsung meines Berufes.

Erstmal bedeutet das natu╠łrlich einen spu╠łrbaren wirtschaftlichen Einschnitt fu╠łr mich. Aber wa╠łhrend ich nun auf meine Altersvorsorge zuru╠łckgreifen mu├č, bekommt die Lufthansa – die weniger Ru╠łcklagen hatte als ich – plo╠łtzlich Milliarden vom Staat. Daimler und VW schu╠łtten trotz Kurzarbeit gro├čzu╠łgige Dividende aus. Warum? Da kann irgendwas nicht stimmen!

Leider la╠łuft es in Deutschland wa╠łhrend der Pandemie oft so, dass die Verteilung von Hilfen nach dem Prinzip, wer hat den gro╠ł├čten ÔÇ×Lautsprecher”, verla╠łuft. Generell wird hier oft mit zweierlei Ma├č gemessen: Wieso mu╠łssen Theater und Kultureinrichtungen, trotz nachgewiesenerma├čen eher geringer Infektionsrisiken sofort schlie├čen, die Fleischfabrik bleibt aber offen und die U-Bahnen fahren weiterhin? Ist das Virus etwa ansteckender im Theater als anderswo?

Fu╠łr die Politik gibt es im Kulturbereich einfach den geringsten Widerstand, sie kann hier sehr einfach Handlungsfa╠łhigkeit demonstrieren. Das ist fu╠łr mich voraufkla╠łrerisches Denken und das nervt.

Man ist in Deutschland lieber ÔÇ×Grille als AmeiseÔÇť damit meine ich eine spu╠łrbare gesellschaftliche Geringscha╠łtzung: Kunst darf nur aus Armut und Leid entstehen, ein selbsta╠łndiger Beruf der mit Spa├č ausgeu╠łbt wird ist verda╠łchtig. In der Pandemie begegnet man mitunter entsprechender Schadenfreude, so nach dem Motto: ÔÇ×Ha╠łttest Du dir halt einen ÔÇ×ordentlichenÔÇť (sprich angestellten) Beruf ausgesucht!ÔÇť. Das empfinde ich als regula╠łrer Steuerzahler der seinen Beitrag leistet als unverscha╠łmt.

Langfristig befu╠łrchte ich bleibende Scha╠łden in der Kulturlandschaft, viele kleine Theater, Clubs und Vereine ko╠łnnten fu╠łr immer verschwinden.
Und es sieht nicht so aus als wa╠łre die Ero╠łffnung eines Theaters in Zukunft eine ÔÇ×hippeÔÇť neue Start-Up Idee.
Viel schlimmer ist aber, dass ich durch Corona mein Medium als Ku╠łnstler verloren habe. Als politischer Kabarettist kommt es mir wie eine Zensur vor, ein ÔÇ×kafkaeskes BerufsverbotÔÇť das niemand verha╠łngt hat. Das gibt einem ein Gefu╠łhl von Ohnmacht und Demut.

Um dieser Ohnmacht zu entkommen habe ich gegen die Depression ÔÇ×angeschrieben” und ein komplett neues Kabarettprogramm geschrieben, aber auch politischen Aktivismus, quasi aus ÔÇ×NotwehrÔÇť, betrieben. Dazu habe ich u.a. die Aktion ÔÇ×#KulturAmArschÔÇť und das ÔÇ×Haareschneiden fu╠łr die KulturÔÇť initiiert. Alles aus dem Gefu╠łhl heraus, von der Politik im Stich gelassen und u╠łbersehen zu werden. Es geht hier aber auch um Selbsterma╠łchtigung und um ein werben fu╠łr mehr Empathie und Solidarita╠łt. Die meisten Kulturschaffenden sind immer noch eher Einzelka╠łmpfer, Corona kann da eine Chance sein sich untereinander zu solidarisieren und zu organisieren.

ÔÇ×Wir lieben das Theater, denn es ist ein sehr guter Ort an dem viel passiert und ausprobiert wird. Es war immer unser Traum, als Ehepaar gemeinsam ein Theater zu leiten und dafu╠łr nehmen wir auch Entbehrungen in Kauf.ÔÇť

Anne Rockenfeller und Hans Dreher
Gesch├Ąftsf├╝hrerin und k├╝nstlerischer Leiter des Prinz-Regent Theaters

Die Leitung des Prinz Regent Theater haben wir  ab 2018  kurzfristig u╠łbernommen.  Wir hatten gerade begonnen mit unserem Repertoire Fahrt aufzunehmen – hatten im Ma╠łrz/April 2020 viele ausverkaufte Vorstellungen in Aussicht – doch dann fuhren wir in den dunklen Corona-Tunnel. Auf das Licht am Ende warten wir noch. Normalita╠łt haben wir insofern kaum erlebt, eher einen permanenten Ausnahmezustand.

Das Prinz Regent Theater selbst ist aufgrund seiner F├Ârdersituation gl├╝cklicherweise
nicht direkt gefa╠łhrdet, aber durch das Ausbleiben von Einnahmen ist es uns momentan nur eingeschr├Ąnkt mo╠łglich freischaffende Schauspieler  zu bescha╠łftigen,  und ihnen die n├Âtige Planungssicherheit zu bieten. Gerade haben wir entschieden unsere Spielzeitpause um ganze zwei Monate vorzuverlegen, in der Hoffnung ausnahmsweise im Sommer ÔÇô und sei es auf einer mobilen Freiluftb├╝hne ÔÇô vor Publikum spielen zu k├Ânnen.

Es war uns wichtig, dass wir vor allem sichtbar bleiben und weiterhin unseren freischaffenden Schauspielern eine Perspektive bieten k├Ânnen. Aber daf├╝r mu├čten wir unsere Mittel und Methoden a╠łndern. Wir haben viel Zeit in die Uminszenierung und die Digitalisierung von Produktionen gesteckt. Zum einen Stu╠łcke inszeniert, die eine kleinere Besetzung haben und somit besser ins Hygienekonzept passen, zum anderen viel in die Einbindung von Videokonferenz- und Streamingtechnik investiert. Damit waren wir wohl eins der ersten Theater, welches eine digitale Produktion gezeigt hat, die komplett im Internet entstanden ist. In der Tat haben wir inzwischen la╠łnger digital als ÔÇ×traditionellÔÇť analog gearbeitet. Wir mussten uns anpassen, flexibler werden und andere Geschichten erza╠łhlen.

Diese Beschra╠łnkungen machen uns ohne Zweifel auch kreativer, denn wir versuchen sie zum Bestandteil unserer Arbeit zu machen, so wie Beschra╠łnkungen seit jeher die ├ästhetik des Theaters ausmachen. Aber das sta╠łndige “sich neu erfinden” ist auch ermu╠łdend, und es ist eine gewisse Entta╠łuschung da, dass man bestimmte Stoffe aufgrund der Hygieneregeln so nicht umsetzen kann wie man will. Im Theater la╠łuft sehr viel u╠łber den direkten Austausch, das kurze Gespr├Ąch “zwischen T├╝r und Angel”, und das fa╠łllt natu╠łrlich weg. Auch wenn wir viel digitalen Austausch haben, der u╠łberaus offen und solidarisch ist, so ist man letztendlich doch oft allein und vermisst die Kollegen. Au├čerdem bleibt immer die Angst vor einer Infektion innerhalb unserer Produktionen.

Wir versuchen solidarisch zu sein und tragen alle Einschra╠łnkungen mit. Trotzdem stellen wir uns manchmal die Frage warum der Kulturbereich – trotz belastbarer Hygienekonzepte – nahezu stillsteht, wa╠łhrend manches Flie├čband weiterla╠łuft. Auch wenn wir mit dem Bemu╠łhen der Kulturpolitik auf Landes- und kommunaler Ebene durchaus einverstanden sind, bietet uns die Bundespolitik kaum Planungssicherheit: Wie sollen wir einen Vorverkauf im Hinblick auf sta╠łndige wechselnde Inzidenzen sinnvoll planen? Gilt der seinerzeit gro├č angek├╝ndigte Stufenplan u╠łberhaupt noch? Wie genau werden Geimpfte bevorzugt? Uns fehlen viele Antworten. Auf lange Sicht haben wir leider auch die Befu╠łrchtung, dass die Kosten dieser Pandemie zu generellen Ku╠łrzungen im Kulturbereich fu╠łhren werden.

Auch vermeintlich “eiserne” Theatergesetze a╠łndern sich durch die Pandemie. Die Gesundheit der Akteure wird ernster genommen. Die Integration von digitalen Konzepten – in der Arbeitsweise und der Inszenierung – werden bleiben. Auch wird das Theater etwas von seiner bisherigen ÔÇ×HeiligkeitÔÇť verlieren: Alles wird etwas vorsichtiger, pragmatischer, regionaler; tradierte Strukturen und Hierarchien werden zu recht hinterfragt.

Wir lieben das Theater, denn es ist grunds├Ątzlich ein sehr guter Ort an dem viel passiert und ausprobiert wird. Es war immer unser Traum, als Ehepaar gemeinsam ein Theater zu leiten und dafu╠łr nehmen wir auch Entbehrungen in Kauf. Nun hoffen wir auf eine schnelle R├╝ckkehr zum Arbeitsalltag, wie wir ihn eigentlich am Theater kennen und lieben gelernt haben.

ÔÇ×Es ist ein Wahnsinnsgefu╠łhl auf der Bu╠łhne zu stehen. Natu╠łrlich ko╠łnnte ich jetzt auch bei Lidl Regale einra╠łumen, das will ich aber nicht, denn ich bin Ku╠łnstler und ich liebe meinen Beruf.ÔÇť

Martin Pittasch
Clown, Entertainer und Zirkusp├Ądagoge

Normalerweise steige ich im Februar in meinen Zirkus-LKW ein und im November wieder aus. Der Zirkus ZappZarap, dem ich angeho╠łre, realisiert im Jahr u╠łber 150 zirkuspa╠łdagogische Projekte in ganz Europa, hinzu kommen noch eigene Auftritte au├čerhalb des Zirkus. Die Nachfrage nach guter Zirkuspa╠łdagogik war gut vor der Pandemie, mit steigender Tendenz. Vor allem Grundschulen haben uns regelma╠ł├čig gebucht. Seit Ma╠łrz letzten Jahres ist das alles weg, quasi Zirkus auf Pause. Natu╠łrlich ist das Wegbrechen von Einnahmen fu╠łr mich schwierig, aber ich mu├č sogar sagen, dass in meinem Fall die finanziellen Hilfen durch den Staat ziemlich schnell und unbu╠łrokratisch waren. Da kann ich mich nicht beschweren. Meinen Job komplett aufzugeben kam fu╠łr mich nie in Frage. Natu╠łrlich ko╠łnnte ich auch bei Lidl Regale einra╠łumen, aber ich bin Clown geworden, weil ich meinen Beruf liebe, und ich bin stolz auf meine Arbeit.

Viel schlimmer als der wirtschaftliche Aspekt ist der Stillstand, die Langeweile, der fehlende Kontakt zum Menschen. Ich vermisse den Zirkus. Es ist ein Wahnsinnsgefu╠łhl auf der Bu╠łhne zu stehen und die Menschen zu unterhalten. Mehr noch fehlt mir die Arbeit im Kinderzirkus. Wenn man direkt erlebt wie unglaublich positiv sich ein Kind innerhalb von ku╠łrzester Zeit durch den Kinderzirkus entwickelt, dann beru╠łhrt einen das. Dann wei├č man das man mit seiner Arbeit etwas bewirkt, dass sie nicht umsonst ist.

Alles das fa╠łllt nun komplett weg. Aber irgendwas mu├čt du ja machen, sonst wirst du bekloppt. Also haben wir digitale Formate entwickelt, z.B ÔÇ×circus@homeÔÇť, wo wir ganz einfache Tricks f├╝r Zuhause zeigen. Oder unseren Youtube-Kanal ÔÇ×Kinderzirkus TVÔÇť in dem wir ├╝ber die Kinderzirkus-Szene berichten. Man versucht sich so gut es geht auszutauschen und weiterzubilden. Das alles ist natu╠łrlich kein Ersatz fu╠łr den richtigen Zirkus – die Erfahrung mit dem Publikum. Der spontane Gag – mit den gro╠ł├čten Lachern in einem vollen Zirkuszelt – funktioniert digital einfach nicht.

Durch Corona werden sicher auch einige kleinere Zirkusse und auch Veranstaltungsorte auf der Strecke bleiben, und auch das Publikum wird zuna╠łchst vermutlich verunsichert sein. Aber ich glaube grundsa╠łtzlich wird sich die Qualita╠łt von Kultur verbessern. Viele Ku╠łnstler werden die Chance nutzen sich weiterzubilden, neue Nummern, Konzepte, bessere Programme zu entwickeln. Ich sehe Corona da eher als Chance. Wir Zirkusleute sind ein za╠łhes Volk. Vielleicht werden nicht alle u╠łberleben, aber der Zirkus wird wiederkommen. Ich bin optimistisch: Im Sommer 2022 sind wir wieder da!

ÔÇ×Ich hoffe auf einen kulturellen Orgasmus nach Corona.”

Linda Bockholt
Singer / Songwriterin, Multiinstrumentalistin

Vor der Pandemie habe ich an die 50 Auftritte im Jahr gemacht, zusa╠łtzlich habe ich unterrichtet und im Theater als Musikerin gearbeitet. Im Gro├čen und Ganzen bin ich finanziell immer irgendwie klar gekommen. Wenn es mal knapper geworden wa╠łre, ha╠łtte ich einfach Strassenmusik gemacht, aber das war nie notwendig. Durch die Corona- Beschra╠łnkungen sind meine Live-Einnahmen natu╠łrlich erstmal weggebrochen. Da mir die meisten Corona-Soforthilfen als Solo-Selbsta╠łndige nicht weiterhalfen, da sie nicht auf den Lebensunterhalt abzielen, habe ich relativ schnell Grundsicherung (Hartz IV) beantragt. Das war fu╠łr mich auch voll ok so, und ich fu╠łhlte mich da auch einigerma├čen aufgefangen. Was mir sehr geholfen hat war das Ku╠łnstlerstipendium des Landes NRW und die Initiative “Fenster-Auf” in Bochum, die Ku╠łnstlern wie mir bezahlte Auftrittsmo╠łglichkeiten im o╠łffentlichen Raum bietet.

Am Anfang habe ich die Bu╠łhne gar nicht so sehr vermisst. Im ersten Lockdown hatte ich Zeit mal ÔÇ×runterzukommenÔÇť und einen Freiraum fu╠łr meinen ku╠łnstlerischen Ausdruck zu schaffen. Der Druck produzieren zu mu╠łssen war irgendwann weg und dann kamen auch viele Songideen. Mittlerweile vermisse ich aber die Inspiration, die durch den Austausch mit anderen Menschen entsteht, aus ganzen banalen Dingen wie einem interessanten Kneipengespra╠łch oder einer kleinen Diskussion. Oft hab ich mich nach sowas noch nachts ans Klavier gesetzt und komponiert. Und natu╠łrlich ist auch die Energie im Austausch mit dem Live Publikum sehr wichtig fu╠łr mich, denn dadurch verhalte ich mich, spiele, werde letztendlich jemand anders. Und das kann nur so sein, wenn ich den Menschen wirklich gegenu╠łberstehe und sie spu╠łre. Diese menschliche Interaktion fehlt mir natu╠łrlich gerade als Inspirationsquelle. Ansonsten habe ich immer versucht diese Zeit in meine ku╠łnstlerische Weiterentwicklung zu stecken. Ich habe meine eigenen Klavierkenntnisse verbessert und mit der Produktion meines ersten Solo-Albums begonnen.
Wie sich die Strukturen in der Kulturlandschaft nach Corona vera╠łndern werden ist fu╠łr mich allerdings mit einigen Fragezeichen versehen. Im Moment wei├č ich nicht so recht, wie dann der Neuanfang aussieht und wer dann den Ku╠łnstlern neue Chancen bietet.

Trotzdem hoffe ich fu╠łr die Zeit nach Corona auf einen kulturellen ÔÇťOrgasmusÔÇť. Ich denke die Menschen vermissen –┬á ja lechzen geradezu – nach Kultur. Meine Erfahrungen im Fenster-Auf-Projekt haben mir das sehr deutlich gemacht. Es kam zu wirklich wunderscho╠łnen, herzzerrei├čenden Szenen, in denen sogar teilweise Tra╠łnen flossen, weil die Zuschauer so geru╠łhrt waren endlich wieder Live-Musik ho╠łren zu ko╠łnnen. Das wiederum hat mir auch besta╠łtigt, da├č ich dort etwas Gutes und Sinnvolles mache.