Forbidden Voices

Frauen und Gesang in der Islamischen Republik Iran

Vor der Revolution

Der Iran blickt auf ein lange Tradition von Sängerinnen zurück. Vor der Islamischen Revolution von 1979 gab es eine Reihe von Sängerinnen, wie Hayden, Pari Malek oder Googosh, die sogar international bekannt wurde. Diese Künstlerinnen prägten die musikalische Landschaft des Irans mit.

Während der Herrschaft des Schah Reza II. war die iranische Gesellschaft durchaus westlich beeinflusst, was nicht zuletzt auch mit dem wirtschaftlichen Einfluss der USA, Großbritanniens und Frankreich zusammenhing. Es gab ein modernes koedukatives Bildungssystem und ein säkulares Rechtssystem. Ebenso keinerlei religiös bedingte Kleider- oder Verhaltensregeln, insbesondere für Frauen nicht. Das damalige Straßenbild Teherans war denen westlicher Großstädte nicht unähnlich.

Entsprechend war auch die Musiklandschaft des Irans westlich beeinflußt. Die Musikerinnen und Musiker traten in modernen Konzertsälen nach US-amerikanischen oder europäischen Vorbild auf. Die Popmusik des Landes hatte erkennbare westliche Einflüsse. Teheran hatte zu dieser Zeit ein durchaus lebhaftes Nachtleben.

Die Schauspielerin und Sängerin Googoosh zählte vor der Islamischen Revolution zu den populärsten iranischen Künstlerinnen.

Die Islamische Revolution
1979

1979 bis heute

Nach der Islamischen Revolution nahm der Einfluss des Klerus rapide zu. Die Betätigungsmöglichkeiten der Sängerinnen wurden immer weiter eingeschränkt, bis es schließlich zu einem öffentlichen Gesangverbot für Frauen kam.

Nach Auslegung des Korans durch den iranischen Klerus ist es der Frau verboten zu singen, da sie damit den Mann „sexuell anstacheln“ könnte. Bis heute hat sich an dieser Situation kaum etwas geändert, öffentliche Auftritte vor gemischt-geschlechtlichem Publikum und Publikationen innerhalb Irans bleiben den Frauen verwehrt, nur der Gesang in Chören, als Begleitung eines männlichen Sängers oder vor ausschließlich weiblichem Publikum ist offiziell erlaubt. Streng genommen sind sogar private Konzerte verboten, da Frauen offiziell nur vor engsten männlichen Familienmitgliedern singen dürfen.

Unter den Regierungen von Mohamad Chatami und Hassan Rohani kam es zu Lockerungen und einer etwas liberaleren Kulturpolitik, die Sängerinnen werden nicht mehr so stark kontrolliert. Insbesondere die Entspannungspolitik im Zuge des Atomabkommens von 2015 und der zögerlichen Öffnung des Landes gegenüber dem Westen führte auch zu einer Öffnung im kulturellen Bereich.

An der Gesetzeslage hat sich allerdings seit den 80er Jahren kaum etwas geändert. Der gesamte Kulturbetrieb wird vom „Ministerium für Kultur und islamische Führung“ (Ershad) überwacht und reguliert. Öffentlichen Auftritte und Publikationen sind genehmigungspflichtig. Genehmigungen für weibliche Solo-Auftritte werden sehr selten, und für entsprechende Publikationen (Tonträger) so gut wie gar nicht erteilt. Zuwiderhandlungen werden mit Geld- oder Gefängnisstrafe und in Ausnahmefällen mit Peitschenhieben (dies ist bis jetzt aber noch nicht vorgekommen) bestraft.

Das die Überwachung durch das Ershad sehr weitreichend ist, zeigt das Beispiel Justinas, einer HipHop-Künstlerin, die verhaftet und mehrere Stunden verhört wurde, weil sie sich auf ihrem Instagram-Account (mit über 100.00 Followern) ohne vorgeschriebenen „Hijab“ (Kopftuch) zeigte. Justina hat das Land inzwischen verlassen.

Ein iranischer Frauenchor probt Mozart´s “Missa Longa”. Chöre sind im Iran mitunter die enzige Möglichkeit für Frauen sich legal als Sängerin zu betätigen.

Auftritte im Untergrund

Nichtsdestotrotz gibt es im Iran Frauen, die versuchen sich als Sängerinnen künstlerisch zu betätigen. Und das in einer großen Bandbreite. Durch meine Arbeit und Recherchen lernte ich klassische Sängerinnen, HipHop-Künstlerinnen, Pop- und Jazzsängerinnen und traditionelle Künstlerinnen kennen. Einige sangen auf Farsi, andere auf Englisch. Einige waren professionell ausgebildete Sängerinnen oder studierten Musik, andere waren ambitionierte Amateure.

Auch die Wege sich künstlerisch zu verwirklichen und sich, im wahrsten des Sinne des Wortes, Gehör zu verschaffen waren vielfältig. Einzelne Sängerinnen versuchten so gut wie möglich anonym zu publizieren, etwa durch Youtube-Videos in denen das Gesicht der Frauen nicht zu erkennen war. Die HipHop-Künstlerin Justina benutzte dafür z.B. sehr auffälliges, farbiges Make-up.

Andere Sängerinnen produzierten und performten komplett im Untergrund, z.B durch Auftritte auf privaten, illegalen Jam-Sessions und Konzerten, die man nur durch spezielle Einladung besuchen konnte. Diese Künstlerinnen können ihre Musik vor allem über die Messenger-Plattform „Telegram“ verbreiten, welche im Iran sehr beliebt ist. Sie erlaubt Audio- und Videofiles einfach und verschlüsselt zu teilen. 

Justina  – “Ghadam Be Ghadam”
Justina rappt in ihren Texten über die Unterdrückung der Frau im Iran.

3P  – “Esghe Mano to”
Die Sängerin 3P bleibt in ihren Musikvideos stets anonym.

Die Zensur austricksen

Ein Teil der Sängerinnen bewegt sich in einem scheinbar geduldetem Graubereich oder greift auf Tricks zurück, um sich der Überwachung durch das Ershad zu entziehen. So werden bspw. Konzerte mit einem männlichen Lead-Sänger angemeldet, der aber dann tatsächlich nicht singt, sondern von der Sängerin ersetzt wird oder der männliche Gesangspartner verstummt zwischenzeitlich.

Auch gibt es durchaus JamSessions und OpenMic-Abende die an öffentlichen Orten (z.B Cafés etc.) stattfinden und bei denen Sängerinnen solo auftreten. Entweder wird dies vom Ershad nicht registriert oder schlichtweg bis zu einem gewissen Grad toleriert.

Ein selteneres Beispiel ist eine traditionelle Sängerin die im Rahmen einer nicht-staatlichen Theateraufführung mehrere Solo-Gesangsparts singt. Hier findet wohl eine offensichtliche Duldung durch das Regime statt.

Ein interessanter Nebenaspekt ist, das einige Sängerinnen professionellen Gesangsunterricht an junge Frauen und Mädchen geben. Eine Sängerin ist sogar alleinige Betreiberin einer kommerziellen Musikschule. Dies ist insofern ein wenig verwunderlich, als das hier eine Ausbildung für etwas erfolgt, das, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt ausgeübt werden kann. Das Unterrichten von Gesang selbst ist allerdings nicht reglementiert.

Meshkat ist Singer/ Songwriterin und studiert eigentlich Veterinär-mediziin. Sie schreibt ihre Songs ausschließlich in englischer Sprache.

Hannah gehört zur kurdischen Minderheit und gehört einer im Iran sehr bekannten Muaikerfamilie den “Kamkars” an. Sie singt und spielt die traditionelle Rahmentrommel, Daf.

Sayeh ist klassisch ausgebildeter Mezzosopran und produziert eigene Songs, in denen sie kritische Texte über die Rolle der Frau im Iran verarbeitet.

Musikszene im Zwiespalt

Zusammenfassend kann man sagen, daß trotz staatlichem Verbots und Repression eine durchaus vielfältige Szene von Sängerinnen existiert, die alle auf sehr unterschiedliche Weise versuchen sich künstlerisch zu verwirklichen.

Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, das die meisten Künstlerinnen sich in einem Zwiespalt befinden: Die meisten sehen sich als iranische Künstlerinnen und scheuen davor ihr Heimatland zu verlassen, wissen aber auch, das eine professionelle Karriere als Musikerin unter den derzeitigen Vorzeichen im Iran kaum möglich sein wird.

Viele tragen sich deshalb mit dem Gedanken den  Iran mittelfristig zu verlassen und ihr Glück im Ausland zu versuchen.